
Der rote Faden
Der Wind reißt an den losen Strähnen, die sich aus Akira’s Hochsteckfrisur befreit haben, und peitscht sie ihr kalt über die Wangen. Sie spürt die Gänsehaut auf ihren Armen unter dem dicken Wollumhang, aber sie zögert.
Story context
World description
Die Welt ist ein raues, eisiges Wikingerdorf an der Küste, umgeben von schroffen Fjorden und dunklen Wäldern. Die Luft ist erfüllt vom Salz des Meeres, dem Geruch von Feuer und Rauch aus den Langhäusern und dem fernen Klang von Hämmern auf Ambossen. In der Mitte des Dorfes steht ein altes, steinernes Kloster, das nun als Gefängnis dient, kalt und feucht, mit dicken Mauern und schweren Holztüren. Hier herrscht die ungeschrieben...
Initial situation
Du, Akira, Tochter des Häuptlings, stehst am Rand des Klosters, das dein Vater in eine Zelle für den gefangenen Fremden verwandelt hat. Der Wind peitscht dein langes, schwarzes Haar, das mit Stäbchen hochgesteckt ist, und deine smaragdgrünen Augen starren auf die verschlossene Tür. Dein Herz klopft wild, denn du hast heimlich beobachtet, wie der zierliche, schwarzhaarige Mann in seiner seltsamen, dunklen Kleidung hereingeführt...
Objective
Das Geheimnis um Yosuke zu lüften und die langsam wachsende, verbotene Anziehung zwischen ihnen zu erkunden.
Chapter samples
1Chapter 1▾
Der Wind reißt an den losen Strähnen, die sich aus Akira’s Hochsteckfrisur befreit haben, und peitscht sie ihr kalt über die Wangen. Sie spürt die Gänsehaut auf ihren Armen unter dem dicken Wollumhang, aber sie zögert. Die schwere Holztür des alten Klosters, das nun als Kerker dient, ist nur einen Steinwurf entfernt. Zwei Wachen, Männer a...
Der Wind reißt an den losen Strähnen, die sich aus Akira’s Hochsteckfrisur befreit haben, und peitscht sie ihr kalt über die Wangen. Sie spürt die Gänsehaut auf ihren Armen unter dem dicken Wollumhang, aber sie zögert. Die schwere Holztür des alten Klosters, das nun als Kerker dient, ist nur einen Steinwurf entfernt. Zwei Wachen, Männer aus dem Dorf, stehen davor, ihre Äxte blitzen im fahlen Licht des frühen Abends. Sie unterhalten sich leise, ihre Stimmen werden vom Wind fast verschluckt. Akira beißt sich auf die Unterlippe. Ihr Vater hat ihr streng verboten, sich dem Gefangenen zu nähern. „Er ist gefährlich, Akira. Ein Fremder mit fremden Künsten. Man sagt, er könne sich in Rauch verwandeln und unsichtbar werden.“ Sie hatte nur gelacht, als ihr Vater das erzählte. Aber jetzt, hier, mit dem kalten Stein des Klosters vor sich und dem Geheimnis dahinter, spürt sie ein Kribbeln in der Magengrube, das nicht nur von der Kälte kommt. Sie tritt näher, bleibt hinter einem gestapelten Stapel Brennholz stehen. Die Wachen sehen sie nicht. Ihr Herz klopft so laut, dass sie fürchtet, sie könnten es hören. Sie muss ihn sehen. Nicht aus Trotz, nicht um ihren Vater zu ärgern, sondern aus einem tiefen, brennenden Verlangen heraus, das sie selbst nicht ganz versteht. Dieser Mann, dieser Yosuke, mit seiner fremden Kleidung und seinen dunklen, wachsamen Augen – er ist eine Geschichte, die noch nicht erzählt worden ist. Und Akira hat noch nie eine unerzählte Geschichte ertragen. Sie wartet, bis die Wachen sich umdrehen, um einen Schluck aus einem Krug zu nehmen, den einer von ihnen hervorgeholt hat. Dann huscht sie lautlos, so leise sie kann, um die Ecke des Klosters. Hier, auf der Rückseite, gibt es ein kleines, vergittertes Fenster, hoch oben in der Mauer. Es ist zu schmal für einen Mann, um zu entkommen, aber groß genug, um hindurchzusehen, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt. Akira presst ihr Gesicht gegen das kalte, feuchte Gestein. Die Luft riecht nach Moder und altem Stroh. Drinnen ist es dunkel, nur ein schwacher Lichtstreifen fällt durch eine andere Öffnung. Sie blinzelt, versucht, etwas zu erkennen. Dann, langsam, gewöhnen sich ihre Augen an das Halbdunkel. Da ist er. Yosuke sitzt mit dem Rücken zur Wand, seine Hände sind vor ihm mit schweren Eisenketten gefesselt. Seine seltsame, dunkle Kleidung ist zerrissen, und sie kann die blasse Haut darunter sehen. Er bewegt sich nicht, aber seine Augen – diese dunklen, unergründlichen Augen – sind geöffnet und starren direkt zu ihr hoch. Direkt durch das kleine Fenster. Direkt in ihre smaragdgrünen Augen. Akira erstarrt. Ihr Atem stockt. Sie kann sich nicht bewegen, kann nicht wegsehen. Es ist, als hätte er sie die ganze Zeit erwartet.
2Chapter 2▾
Akira steht wie angewurzelt, ihr Gesicht gegen das kalte Gitter gepresst, und erwidert seinen Blick. Die Sekunden dehnen sich zu einer Ewigkeit, während der Wind an ihrem Umhang zerrt und ihre losen Haarsträhnen um ihre Wangen tanzen lässt. Yosuke rührt sich nicht, aber seine dunklen Augen lassen sie nicht los. Es ist, als sähe er durch s...
Akira steht wie angewurzelt, ihr Gesicht gegen das kalte Gitter gepresst, und erwidert seinen Blick. Die Sekunden dehnen sich zu einer Ewigkeit, während der Wind an ihrem Umhang zerrt und ihre losen Haarsträhnen um ihre Wangen tanzen lässt. Yosuke rührt sich nicht, aber seine dunklen Augen lassen sie nicht los. Es ist, als sähe er durch sie hindurch, als wüsste er genau, wer sie ist und warum sie hier steht. Dann, ganz langsam, löst sich eine ihrer Hände vom kalten Stein. Ihre Finger wandern zu ihrem Haar, zu den Stäben, die ihre schwarze Mähne halten. Sie zupft eine kleine, zarte Blüte heraus – eine rosa Farbenpracht, die sie heute Morgen im geschützten Tal hinter dem Dorf gefunden hatte. Sie hatte sie aus einer Laune heraus gepflückt und ins Haar gesteckt, ohne genau zu wissen, warum. Jetzt weiß sie es. Sie hält die Blüte zwischen Daumen und Zeigefinger, betrachtet sie einen Moment lang. Die zarten Blütenblätter leuchten in dem fahlen Abendlicht, ein winziger Farbtupfer in dieser grauen, kalten Welt. Dann öffnet sie ihre Finger und lässt sie fallen. Die Blüte segelt langsam, fast schwerelos, durch die Luft. Sie dreht sich einmal um sich selbst, fängt einen letzten Sonnenstrahl ein, bevor sie durch das Gitter hindurch in die Dunkelheit des Kerkers fällt. Akira beobachtet, wie sie tiefer sinkt, wie sie auf dem feuchten Steinboden landet, direkt vor Yosukes gefesselten Händen. Er senkt den Blick. Seine Augen folgen der Blüte, ruhen auf ihr, als wäre sie etwas Kostbares, etwas, das er seit Jahren nicht gesehen hat. Dann hebt er den Kopf wieder und sieht sie an. Diesmal ist etwas in seinem Blick, das vorher nicht da war. Eine Andeutung von Verstehen, von Dankbarkeit vielleicht. Oder etwas Tieferem, das sie nicht benennen kann. Seine gefesselten Hände bewegen sich, so weit es die Ketten erlauben. Mit einer sanften, fast zärtlichen Bewegung schiebt er die Blüte näher zu sich heran, bis sie zwischen seinen Fingern liegt. Er betrachtet sie, dreht sie vorsichtig, als würde er ihre Zerbrechlichkeit spüren. Akira schluckt. Ihr Herz hämmert gegen ihre Rippen, und sie spürt, wie ihre Wangen warm werden, trotz der eisigen Kälte. Sie hat ihm etwas gegeben. Ein Zeichen. Eine Botschaft, die sie selbst nicht in Worte fassen kann. Yosuke hebt die Blüte an seine Lippen und haucht ganz leicht darauf. Dann sieht er wieder zu ihr hoch, und in seinen dunklen Augen liegt ein Funkeln, das sie nicht deuten kann. Hinter ihr hört sie die Stimmen der Wachen lauter werden. Einer lacht. Sie haben den Krug wohl geleert. Gleich werden sie ihre Runde drehen und um die Ecke kommen. Akira zögert. Sie will nicht gehen. Sie will hierbleiben, in diesem Moment, in dem nur sie und er und die kleine rosa Blüte existieren. Aber die Wirklichkeit holt sie ein. Sie muss zurück, bevor sie entdeckt wird. Sie tritt einen Schritt zurück, löst sich vom Gitter. Ihre Augen treffen noch einmal seine, ein letztes, stummes Versprechen. Dann dreht sie sich um und huscht lautlos, so leise sie kann, zurück um die Ecke des Klosters, während der Wind die Spuren ihrer Schritte verwischt.
3Chapter 3▾
Der Wind hat sich gelegt, als Akira leise die Tür ihres Zimmers hinter sich schließt. Die Dämmerung färbt den Himmel über den Fjorden in ein tiefes Violett, aber sie sieht nichts davon. Ihre Gedanken sind bei der kleinen rosa Blüte, bei Yosukes dunklen Augen, bei der Art, wie er die Blüte an seine Lippen gehoben hat. Sie beginnt auf und ...
Der Wind hat sich gelegt, als Akira leise die Tür ihres Zimmers hinter sich schließt. Die Dämmerung färbt den Himmel über den Fjorden in ein tiefes Violett, aber sie sieht nichts davon. Ihre Gedanken sind bei der kleinen rosa Blüte, bei Yosukes dunklen Augen, bei der Art, wie er die Blüte an seine Lippen gehoben hat. Sie beginnt auf und ab zu gehen. Die Holzdielen unter ihren Füßen knarren im vertrauten Rhythmus, doch heute bringt ihr das keine Ruhe. Immer wieder kehrt ihr Blick zu dem Fenster zurück, durch das sie den Weg zum Kloster sehen kann. Sie presst die Hände gegeneinander, spürt das Pochen ihres Pulses in den Fingerspitzen. Er ist wie sie. Das hat sie in seinem Blick gesehen. Diese Wachsamkeit, diese Stille, dieses Wissen um Dinge, die andere nicht sehen. In seinem Gesicht, in der Art, wie er sich bewegte, selbst gefesselt, lag etwas, das sie aus tiefster Seele erkannte. Etwas, das sie in diesem Dorf noch nie gefunden hat. Sie bleibt stehen. Ihre Hände fallen herab. Entschlossenheit legt sich wie ein kaltes Eisen um ihr Herz. Ohne ein weiteres Zögern verlässt sie ihr Zimmer und geht den langen Gang entlang zur großen Halle. Das Feuer im Herd ist heruntergebrannt, als sie eintritt. Ihr Vater sitzt an der langen Tafel, einen Krug Met vor sich, und starrt in die flackernden Flammen. Seine breiten Schultern heben und senken sich in einem tiefen Atemzug, als er sie kommen hört. „Vater“, sagt sie leise und tritt näher. Ihre Stimme zittert kaum, aber ihr Herz schlägt so laut, dass sie fürchtet, er könnte es hören. Er sieht auf. Seine grauen Augen, so alt und müde, mustern sie. „Akira. Es ist spät.“ Sie ignoriert die Warnung in seiner Stimme. Sie tritt direkt vor ihn, stellt sich vor die Tafel, und ihre Hände ballen sich zu Fäusten. „Wer ist er? Der Gefangene. Wo kommt er her? Was macht er hier?“ Ihr Vater runzelt die Stirn. Seine Finger trommeln einmal auf die Tischplatte. „Das ist nicht deine Sorge.“ „Bitte.“ Sie beugt sich vor, und ihre Stimme wird dringlicher. „Erzähl mir von ihm. Ich muss es wissen. Woher kommt er? Wie ist er hierher gekommen?“ Der Häuptling mustert sie lange. Seine Augen verengen sich, als suche er nach etwas in ihrem Gesicht. Dann seufzt er schwer, greift nach seinem Krug und nimmt einen langen Schluck. „Er wurde im Norden gefunden“, sagt er schließlich, die Stimme rau. „Unsere Jäger haben ihn an der Küste aufgelesen, halb erfroren, in diesem seltsamen schwarzen Gewand. Er sprach kein Wort, verstand nichts. Sie haben ihn hierher gebracht, weil er aussah wie einer von denen aus dem Osten. Wie deine Mutter.“ Er hält inne, sieht sie an. „Wie du.“ Akira schluckt. „Aber woher genau?“ „Das weiß niemand. Er sagt nichts. Er starrt nur.“ Der Häuptling lehnt sich zurück. „Vielleicht ist er ein Spion. Vielleicht ein verirrter Händler. Vielleicht etwas anderes.“ Er winkt ab. „Es ist besser, wenn du dich von ihm fernhältst, Akira. Er ist gefährlich. Das spüre ich.“ Sie nickt langsam, aber in ihrem Inneren brennt das Feuer nur noch heller. Er ist wie sie. Ein Fremder in dieser Welt. Und sie wird nicht ruhen, bis sie mehr weiß. Ihr Vater sieht sie noch einmal an, dann wendet er sich wieder dem Feuer zu. Das Gespräch ist beendet.




