
Inferno Lolita
Der Himmel über Kassel hat diese Farbe, die Yvonne immer an verbranntes Metall erinnert. Grau, mit einem Stich ins Violette, als würde die Atmosphäre selbst langsam krank werden.
Story context
World description
Endzeit
Initial situation
Action
Objective
Apokalypse
Chapter samples
1Chapter 1▾
Der Himmel über Kassel hat diese Farbe, die Yvonne immer an verbranntes Metall erinnert. Grau, mit einem Stich ins Violette, als würde die Atmosphäre selbst langsam krank werden. Sie steht am Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock, die Stirn gegen das kühle Glas gepresst, und beobachtet, wie sich die ersten Lichter der Stadt gegen die her...
Der Himmel über Kassel hat diese Farbe, die Yvonne immer an verbranntes Metall erinnert. Grau, mit einem Stich ins Violette, als würde die Atmosphäre selbst langsam krank werden. Sie steht am Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock, die Stirn gegen das kühle Glas gepresst, und beobachtet, wie sich die ersten Lichter der Stadt gegen die hereinbrechende Dämmerung stemmen. Es ist der 14. Oktober 2034, und die Welt hat längst aufgehört, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Yvonne dreht sich um, als ihr Blick auf den alten Spiegel im Flur fällt. Die hellblonden Haare fallen ihr locker über die Schultern, das jugendliche Gesicht wirkt fast fehl am Platz in dieser gealterten Welt. Fünfundzwanzig, aber manchmal fühlt sie sich, als hätte sie schon zu viel gesehen. Die braunen Augen mustern ihr Gegenüber mit einer Mischung aus Entschlossenheit und leiser Sorge. Unten auf der Straße knattert ein alter Verbrenner vorbei, eine Seltenheit in diesen Tagen. Die meisten Fahrzeuge sind längst elektrisch oder fahren gar nicht mehr. Yvonne hört, wie die Reifen über den rissigen Asphalt mahlen, und für einen Moment ist da nur dieses Geräusch und das leise Summen der Neonröhren in ihrer Wohnung. Dann klingelt es. Sie zögert. Besuch ist in letzter Zeit selten, und wenn er kommt, bedeutet er meist nichts Gutes. Aber die Neugier siegt, wie so oft. Auf dem Weg zur Tür wirft sie einen Blick auf das gerahmte Foto ihrer Eltern, das auf der Kommode steht. Jochen und Rosi Brusius, beide längst tot, beide immer noch präsent in jeder Entscheidung, die sie trifft. Die Tür öffnet sich einen Spalt, und Yvonne erkennt sofort die vertraute Silhouette. Lolita steht im Treppenhaus, das schulterlange hellblonde Haar zerzaust vom Wind, die braunen Augen weit und aufgeregt. Sie trägt eine enge schwarze Jacke, darunter ein Top, das mehr Haut zeigt als verdeckt. „Yvonne“, sagt Lolita, und ihre Stimme zittert kaum merklich. „Du musst mitkommen. Es ist etwas passiert. Etwas, das alles verändert.“
2Chapter 2▾
Yvonne mustert Lolita einen Moment lang, spürt die Dringlichkeit, die von der Freundin ausgeht wie Hitze von einem Motor. Sie kennt diesen Blick, diese angespannte Haltung. Lolita ist immer impulsiv, aber das hier ist anders. Das hier hat Gewicht. „Was ist passiert?“, fragt Yvonne ruhig, obwohl ihr Herz einen Schlag schneller schlägt. L...
Yvonne mustert Lolita einen Moment lang, spürt die Dringlichkeit, die von der Freundin ausgeht wie Hitze von einem Motor. Sie kennt diesen Blick, diese angespannte Haltung. Lolita ist immer impulsiv, aber das hier ist anders. Das hier hat Gewicht. „Was ist passiert?“, fragt Yvonne ruhig, obwohl ihr Herz einen Schlag schneller schlägt. Lolita beißt sich auf die Unterlippe, ein alter Tick, den Yvonne noch aus ihrer gemeinsamen Zeit kennt. „Nicht hier. Nicht im Treppenhaus. Komm einfach mit, ja? Ich erklär dir alles unterwegs.“ Sie greift nach Yvonnes Handgelenk, die Finger sind kalt, aber der Griff ist fest. „Es geht um die Stadt. Um das, was unter der Stadt ist. Du weißt schon, wovon ich rede.“ Yvonne weiß es. Die Gerüchte über die alten Bunkeranlagen unter Kassel, die angeblich längst versiegelt wurden, aber nie wirklich dicht waren. Die Geschichten über seltsame Lichter, die nachts aus Gullydeckeln dringen, über verschwundene Obdachlose, über Dinge, die im Untergrund wachsen. „Hol deine Jacke“, drängt Lolita. „Wir haben nicht viel Zeit. Mario hat was gesehen. Er ist total durch den Wind, und Mario ist nicht der Typ, der sich leicht aus der Ruhe bringen lässt.“ Yvonne wirft einen letzten Blick in ihre Wohnung. Das vertraute Chaos aus Büchern, leeren Kaffeetassen und einem verstaubten Pflanzenregal. Ein Ort, der längst aufgehört hat, sich wie ein Zuhause anzufühlen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sich nicht lange besinnt. Sie greift nach ihrer Lederjacke, die über der Stuhllehne hängt, und schlüpft hinein. Der vertraute Geruch von altem Leder und kaltem Rauch umhüllt sie. „Okay“, sagt sie und tritt hinaus auf den Treppenabsatz. Die Tür fällt ins Schloss, das metallische Klicken hallt durch das Treppenhaus. „Führ mich.“ Lolita nickt kurz, dann dreht sie sich um und läuft die Treppe hinunter, ihre Schritte schnell und entschlossen. Yvonne folgt ihr, die Hand am Geländer, während das Neonlicht der Treppenhausbeleuchtung flackernd über ihre Gesichter streicht. Unten angekommen, reißt Lolita die Haustür auf. Die Abendluft schlägt ihnen entgegen, kühl und schwer, mit einem Beigeschmack von Abgasen und feuchter Erde. Die Straße liegt fast verlassen da, nur eine einzelne Laterne wirft ihren fahlen Schein auf den Gehweg. Lolita deutet nach links, in Richtung der Innenstadt. „Da lang. Ich erklär dir alles, versprochen.“ Und dann setzt sie sich in Bewegung, ohne sich umzusehen, als wüsste sie genau, dass Yvonne ihr folgen wird.
3Chapter 3▾
Die Straßen von Kassel liegen im Zwielicht zwischen den funktionierenden Laternen und den Schattenvierteln, die seit Monaten dunkel bleiben. Lolita geht schnell, fast zu schnell, ihre Absätze klacken unregelmäßig auf dem Asphalt. Yvonne hält Schritt, die Hände in den Taschen ihrer Lederjacke vergraben. „Mario arbeitet doch im alten Fernh...
Die Straßen von Kassel liegen im Zwielicht zwischen den funktionierenden Laternen und den Schattenvierteln, die seit Monaten dunkel bleiben. Lolita geht schnell, fast zu schnell, ihre Absätze klacken unregelmäßig auf dem Asphalt. Yvonne hält Schritt, die Hände in den Taschen ihrer Lederjacke vergraben. „Mario arbeitet doch im alten Fernheizwerk“, sagt Lolita, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Da unten, in den Kellern, wo niemand mehr hingeht. Er hat diese Röhren gefunden. Alte Stollen, die angeblich zugeschüttet wurden.“ Sie biegt um eine Ecke, vorbei an einem verlassenen Kiosk, dessen Scheiben längst zerschlagen sind. Yvonne erinnert sich an diesen Teil der Stadt. Hier hat sie als Kind gespielt, bevor die Welt den Atem angehalten hat. „Was für Röhren?“, fragt Yvonne. Lolita bleibt abrupt stehen, dreht sich um. Ihre Augen sind weit, die Pupillen geweitet, aber nicht von Drogen. Es ist etwas anderes. Etwas, das Yvonne noch nie bei ihr gesehen hat: echte Angst. „Keine normalen Röhren“, sagt Lolita leise. „Sie sind warm. Die Wände sind warm, Yvonne. Und sie pulsieren. Wie ein Herzschlag.“ Sie schluckt. „Mario hat mich heute Morgen angerufen. Er war völlig fertig. Hat gesagt, da unten wächst etwas. Etwas Organisches. Es hat die alten Betonwände durchbrochen, als wären sie Pappe.“ Yvonne spürt ein Kribbeln im Nacken. Die Luft riecht plötzlich anders, schärfer, metallischer. Oder bildet sie sich das nur ein? „Wo ist Mario jetzt?“, fragt sie. „Im Club. Er traut sich nicht mehr nach Hause. Sagt, die Wände in seiner Wohnung atmen.“ Lolita lacht kurz auf, aber es klingt nicht belustigt. Es klingt wie ein verzweifelter Versuch, die Normalität zu retten. „Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß, dass es verrückt klingt. Aber du musst es selbst sehen.“ Sie setzt sich wieder in Bewegung, diesmal langsamer, als würde die Schwere dessen, was sie gerade erzählt hat, ihre Schritte bremsen. Yvonne folgt ihr schweigend, die Gedanken kreisen. Ein Herzschlag unter der Stadt. Wärme, wo Kälte sein sollte. Wachstum, wo alles längst tot sein müsste. Die Nacht um sie herum wird dichter, die Schatten länger. Und irgendwo in der Ferne, tief unter dem Asphalt, spürt Yvonne etwas, das sie nicht benennen kann. Ein Ziehen. Ein Flüstern am Rand ihres Bewusstseins. Lolita bleibt vor einer unscheinbaren Tür stehen, die in einen Hinterhof führt. Sie dreht sich um, die Hand bereits auf dem kalten Metallgriff. „Bist du bereit?“, fragt sie. Ihre Stimme zittert kaum merklich. Ohne auf eine Antwort zu warten, drückt sie die Tür auf und tritt in die Dunkelheit dahinter.




