
Willkommen in Maple Creek
David Cole steht auf der Veranda von Tante Ruths Haus und spürt den Staub von Maple Creek auf der Zunge. Die Luft ist anders hier.
Story context
World description
Jeder kennt jeden: Dein Name, Auto, Kaffeebestellung. Privatsphäre = Fenster zu, Licht aus. Klatsch ist schneller als Glasfaser. The Griddle Diner: Stadtzentrum. Mabels Apple Pie heilt Liebeskummer, Kater und Scheidungen. Bezahlt wird bar oder mit Geschichten. Sheriff Tom regelt: Falschparken? Er wechselt deine Blinkerbirne. Ernstes Verbrechen? Gibt’s selten. Dafür Gemeinderat-Dramen. Samstags = Hardware Store: Deke weiß, welc...
Initial situation
David Cole, 40, steht im Staub von Maple Creek, Pop. 4.213. Hinter ihm: 37 Umzugskartons, ein U-Haul mit Motorschaden und 15 Jahre Ehe, die auf 12 Seiten Scheidungspapier endeten. Vor ihm: Tante Ruths altes Holzhaus. Veranda quietscht, Farbe blättert, Briefkasten schief. Es riecht nach Heu, Benzin und Neuanfang. New York hat ihn ausgespuckt. Job weg, Wohnung weg, Frau weg. Geblieben sind Schlafmangel, ein leer geräumtes Bankko...
Objective
Das Haus retten: Veranda, Dach, Rohre. Tante Ruths Bruchbude bewohnbar machen. Beweis: Ich kann noch was reparieren, nicht nur zerstören. Schulden tilgen: NY-Kreditkarte, Anwaltskosten, U-Haul-Reparatur. Job finden. Egal ob Werkstatt, Farm oder Diner. Geld = Abstand zur Panik. Namen verlieren: Nicht mehr „der Geschiedene aus NYC“ sein. In Maple Creek jemand werden. Cole, der die Kürbisse zum Fest fährt. Schlafen lernen: Ohne S...
Character introduction

David Cole
Role: sucht nach einem Neuanfang
Chapter samples
1Chapter 1▾
David Cole steht auf der Veranda von Tante Ruths Haus und spürt den Staub von Maple Creek auf der Zunge. Die Luft ist anders hier. Kein Abgas, kein Sirenengeheul, keine tausend Lichter, die die Nacht zum Tag machen. Nur Heu, Benzin und das leise Knarren alter Holzbalken unter seinen Boots. Er lässt den Blick über das Grundstück schweifen...
David Cole steht auf der Veranda von Tante Ruths Haus und spürt den Staub von Maple Creek auf der Zunge. Die Luft ist anders hier. Kein Abgas, kein Sirenengeheul, keine tausend Lichter, die die Nacht zum Tag machen. Nur Heu, Benzin und das leise Knarren alter Holzbalken unter seinen Boots. Er lässt den Blick über das Grundstück schweifen – verwilderte Büsche, ein Rosenbeet, das längst aufgegeben hat, und ein Briefkasten, der schief hängt wie ein müder Gruß. Der U-Haul steht noch auf der Auffahrt. Reifen platt, Motor im Eimer. 37 Kartons warten darauf, ihr Geheimnis preiszugeben. David hebt den ersten Karton hoch – „Küche – zerbrechlich“ steht in Ruths Handschrift darauf. Sie ist seit drei Monaten tot. Er war nicht auf der Beerdigung. Zu viel Scham, zu wenig Geld, zu viele Ausreden. „Neuer Mieter?“ Die Stimme kommt von links. David dreht sich um. Ein Mann in abgetragenem Flanell lehnt am Zaun, eine Kaffeetasse in der Hand. Er hat Sommersprossen überm Nasenrücken und ein schiefes Grübchen, das sein Lächeln freundlich, aber nicht aufdringlich macht. „Eher Erbe“, sagt David. „Tante Ruths Neffe aus New York.“ „Ach, der Cole.“ Der Mann nickt, als wäre das alles, was es zu wissen braucht. „Eli. Arbeit im Hospital. Nachtschicht. Bin gerade auf dem Heimweg und hab gesehen, dass hier jemand rumsteht und die Gegend anstarrt. Dachte, ich frag mal, ob du Kaffee brauchst oder ’ne Kneifzange.“ David mustert ihn. Kein aufgesetzter Smalltalk, kein neugieriges Bohren. Nur ein Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann. Er spürt, wie sich etwas in seiner Brust lockert – nur einen Spaltbreit. „Kaffee wär gut“, sagt er. „Die Tasse da sieht aus, als wüsste sie, was sie tut.“ Eli grinst, reicht ihm den Becher rüber. David nimmt einen Schluck. Er ist schwarz, stark und genau richtig. „Willkommen in Maple Creek“, sagt Eli. „Hier hält man zusammen. Auch wenn man sich nicht kennt. Noch nicht.“ David sieht zu, wie Eli die Straße hinuntergeht, die Hände in den Taschen, die Schritte ruhig und ohne Eile. Er steht allein auf der Veranda, den Kaffeebecher in der Hand, und zum ersten Mal seit Monaten denkt er nicht an New York. Nur an die Frage, ob er hier bleiben kann.
2Chapter 2▾
David hebt die Hand, als Eli sich umdreht. „Danke für den Kaffee. Und schlaf gut nach deiner Nachtschicht.“ Eli grinst über die Schulter. „Wird schwer bei dem Licht da drüben. Deine Veranda braucht ’ne neue Birne.“ Er deutet mit dem Kinn zur quietschenden Lampe über der Tür. „Aber das sagt dir morgen jeder Zweite in der Stadt. Gute Nacht...
David hebt die Hand, als Eli sich umdreht. „Danke für den Kaffee. Und schlaf gut nach deiner Nachtschicht.“ Eli grinst über die Schulter. „Wird schwer bei dem Licht da drüben. Deine Veranda braucht ’ne neue Birne.“ Er deutet mit dem Kinn zur quietschenden Lampe über der Tür. „Aber das sagt dir morgen jeder Zweite in der Stadt. Gute Nacht, Cole.“ David sieht ihm nach, bis die Silhouette in der Morgendämmerung verschwindet. Dann dreht er sich um und tritt durch die Tür in Tante Ruths Haus. Der Geruch überrascht ihn: altes Holz, Zimt und eine Spur Mottenkugeln. Das Wohnzimmer ist klein, die Möbel mit weißen Laken bedeckt. Staub tanzt im Licht, das durch die verhangenen Fenster fällt. David stellt den Kaffeebecher auf der Fensterbank ab und reißt das erste Laken herunter. Ein abgewetztes Ledersofa kommt zum Vorschein, daneben ein Bücherregal voller Taschenbücher – Liebesromane und Krimis, bunt gemischt. Er greift nach dem nächsten Karton. „Küche – zerbrechlich“. Mit dem Taschenmesser schneidet er das Klebeband auf und packt Teller aus, eine Kaffeekanne, deren Henkel geklebt ist, und ein altes Foto von Tante Ruth vor dem Haus, die stolz in die Kamera lächelt. David stellt das Foto auf das Fensterbrett. Dann trägt er Karton um Karton herein, stapelt sie in der Ecke, öffnet, sortiert, entscheidet. Die Küchenschränke nehmen das Geschirr auf, das Bettzeug landet auf der Couch, Bücher finden ihren Weg ins Regal. Die Sonne steigt höher. Staub wirbelt, Schritte hallen auf den nackten Dielen. David arbeitet schweigend, ohne Eile, aber ohne Pause. Irgendwann bleibt er stehen, die Hände auf den Hüften, und sieht sich um. Das Haus beginnt, nach ihm auszusehen. Draußen knattert ein Motor vorbei. Jemand hupt kurz. Maple Creek wacht auf.
3Chapter 3▾
David lässt den Blick durch das Wohnzimmer schweifen, die Hände immer noch auf den Hüften. Der Raum ist kleiner als sein alter in New York, aber heller. Zwei Fenster zur Straße, eins zur Seite, alle mit vergilbten Spitzenvorhängen. Das Ledersofa, das er freigelegt hat, steht an der linken Wand, davor ein niedriger Couchtisch mit Kratzern ...
David lässt den Blick durch das Wohnzimmer schweifen, die Hände immer noch auf den Hüften. Der Raum ist kleiner als sein alter in New York, aber heller. Zwei Fenster zur Straße, eins zur Seite, alle mit vergilbten Spitzenvorhängen. Das Ledersofa, das er freigelegt hat, steht an der linken Wand, davor ein niedriger Couchtisch mit Kratzern im Holz. Rechts führt eine offene Tür in die Küche – er sieht den Rand des alten Herds, das Spülbecken, die Schränke, die er gerade gefüllt hat. Er tritt aus dem Wohnzimmer in den Flur. Drei Türen. Die erste links: ein kleines Bad mit einer Wanne auf Klauenfüßen, einem verchromten Spiegel, der blinde Flecken hat, und einem Waschbecken, dessen Wasserhahn tropft. David macht eine mentale Notiz: Dichtung wechseln. Die zweite Tür führt in ein Schlafzimmer. Tante Ruths Zimmer, vermutet er. Das Bett ist schmal, mit einer gehäkelten Tagesdecke. Ein Kleiderschrank aus dunklem Holz, eine Kommode mit einer Spitzendecke. Es riecht nach Lavendel und Staub. David bleibt einen Moment stehen, dann schließt er leise die Tür. Die dritte Tür am Ende des Flurs: ein winziges Zimmer, kaum größer als eine Abstellkammer. Ein Schreibtisch unter dem Fenster, ein Regal an der Wand. Vielleicht ein Arbeitszimmer, vielleicht ein Gästezimmer, wenn man das Bett quer stellt. David lehnt sich gegen den Türrahmen und atmet langsam aus. Das Haus ist überschaubar. Wohnzimmer, Küche, Bad, zwei Schlafzimmer. Kein Keller, aber eine Kammer unter der Treppe. Keine Garage, aber ein Schuppen hinten im Garten. Es ist nicht viel. Aber es ist seins. Draußen fängt ein Hund an zu bellen, und irgendwo startet ein Motor. David schiebt die Hände in die Taschen und dreht sich zurück ins Wohnzimmer. Die Kartons warten.




