
1829: Go West
Die Sonne wirft ihr erstes goldenes Licht durch die schmalen Fenster unserer Wohnung in der Pearl Street. Ich blinzle und setze mich auf, die vertraute Wärme des Federbetts umhüllt mich noch einen Moment, bevor ich die Füße auf den Holzboden stelle.
Story context
World description
Nach Miete, Löhnen, Material bleiben vielleicht 400-700 $ Gewinn. Damit seid ihr obere Mittelschicht. Ich, Schreiner: Mit 18-22 ist er journeyman im Laden des Vaters. Ich bekomme Lohn: ca. 1,50 $ pro Tag = 9 $ pro Woche. Lebt aber meist frei bei den Eltern. Er lernt Buchführung, Kundenumgang, Entwurf. Mutter, Schneiderin: Sie führt den Haushalt, beaufsichtigt Lehrlinge und Dienstboten. Schneidern tut sie trotzdem: F...
Initial situation
Wohnen: Über dem Laden In der Pearl Street. Gewerbe + Wohnen war normal. Haus: 3-4-stöckiges Backsteinhaus. Unten die cabinet shop Schreinerei zur Straße hin mit Schaufenster. Hinten Hof + Stall. Wohnung: Ihr wohnt im 1. oder 2. Stock darüber. 4-5 Zimmer, 60-80 m². Salon, Küche, 2-3 Schlafkammern. Komfort: Eigener Kohleofen, vielleicht schon ein Küchenherd aus Gusseisen. Wasser kommt weiter vom Brunnen, aber ihr habt Di...
Character introduction

David Charles
Role: Sohn eines Siedlers in Nordamerika
Chapter samples
1Chapter 1▾
Die Sonne wirft ihr erstes goldenes Licht durch die schmalen Fenster unserer Wohnung in der Pearl Street. Ich blinzle und setze mich auf, die vertraute Wärme des Federbetts umhüllt mich noch einen Moment, bevor ich die Füße auf den Holzboden stelle. Unten im Laden höre ich schon das rhythmische Hämmern – Vater hat die Gesellen früh antrei...
Die Sonne wirft ihr erstes goldenes Licht durch die schmalen Fenster unserer Wohnung in der Pearl Street. Ich blinzle und setze mich auf, die vertraute Wärme des Federbetts umhüllt mich noch einen Moment, bevor ich die Füße auf den Holzboden stelle. Unten im Laden höre ich schon das rhythmische Hämmern – Vater hat die Gesellen früh antreiben lassen. Es riecht nach frischem Sägemehl und dem schwachen Duft von Mahagoni, der sich immer in die Luft schleicht, egal wie oft wir kehren. Ich wasche mich hastig am Becken, das kalte Brunnenwasser weckt mich endgültig. Meine hellbraunen Haare fallen mir bis zum Kinn, und ich streiche sie zurück, mustere mein Spiegelbild: ein durchschnittliches Gesicht mit großen, haselnussbraunen Augen, die mehr verraten, als ich möchte. Heute trage ich mein Arbeitshemd, die Ärmel hochgekrempelt, bereit für den Tag. Die Treppe knarrt unter meinen Schritten, als ich hinabsteige. Die Werkstatt breitet sich vor mir aus, ein Meer aus Werkzeugen, Holzstücken und halbfertigen Möbeln. Vier Gesellen bücken sich über ihre Bänke, ein Lehrling schleppt Bretter herbei. Vater steht in der Mitte, sein Gehrock makellos, den Zylinder auf dem Tisch, und zeichnet einen Entwurf für einen Schreibtisch. „David, gut dass du kommst“, ruft er, ohne aufzublicken. Seine Stimme ist fest, gewohnt zu befehlen. „Nimm den Hobel und glätte die Tischplatte da drüben. Der Kunde aus dem Broadway-Haus wartet nicht ewig – sechzig Dollar für Mahagoni, das muss makellos sein.“ Ich nicke und greife nach dem Hobel, spüre das vertraute Gewicht in meinen Händen. Die Klinge gleitet über das Holz, kräuselt feine Späne ab, die wie Schnee zu Boden fallen. Es beruhigt mich, diese Arbeit, die Präzision, die ich seit meinem achtzehnten Jahr als Journeyman meistere. Die Stadt draußen pulsiert: Kutschenräder poltern über das Pflaster, Händler rufen ihre Waren aus, und der ferne Lärm des Hafens mischt sich darunter. New York 1828, eine Stadt im Fieber, wo jeder zweite Traum von Westen und Gold flüstert. Plötzlich verstummt das Hämmern. Ein Mann tritt durch die Ladentür, Staub auf seinen Stiefeln, ein wettergegerbtes Gesicht unter einem breitkrempigen Hut. Er mustert uns schweigend, die Augen scharf wie Dolche. „Ich suche Charles, den Meister“, sagt er mit rauer Stimme, die einen Hauch von Südstaatenakzent trägt. Vater richtet sich auf, wischt sich die Hände ab. Der Fremde lehnt sich vor, flüstert etwas, das ich nicht ganz verstehe – etwas von einem „Schatz aus dem alten Land“ und einem Möbelstück, das „mehr als Holz“ sei. Meine Finger halten inne am Hobel, und ein Kribbeln läuft mir den Rücken hinab.
2Chapter 2▾
Der Hobel ruht schwer in meiner Hand, die Späne sammeln sich zu meinen Füßen wie ein stiller Zeuge meiner Neugier. Ich halte den Atem an, während der Fremde weiterflüstert, seine Worte wie Rauch durch die Werkstatt kriechen. „...aus dem alten Land, Meister Charles. Ein Schatz, der in einem Kasten verborgen liegt, getarnt als einfaches Möb...
Der Hobel ruht schwer in meiner Hand, die Späne sammeln sich zu meinen Füßen wie ein stiller Zeuge meiner Neugier. Ich halte den Atem an, während der Fremde weiterflüstert, seine Worte wie Rauch durch die Werkstatt kriechen. „...aus dem alten Land, Meister Charles. Ein Schatz, der in einem Kasten verborgen liegt, getarnt als einfaches Möbelstück. Mahagoni von den Azoren, aber innen... etwas Wertvolleres. Die Karte führt nur zu Ihnen, weil Sie der Beste sind.“ Vater richtet sich auf, sein Bleistift verharrt über dem Papier. Sein Gesicht bleibt ausdruckslos, doch ich kenne diesen Zug um seinen Mund – Skepsis gepaart mit Gier. Die Werkstatt scheint enger zu werden; das Hämmern der Gesellen verebbt zu einem leisen Echo, Johann Müller wirft einen Blick von seiner Hobelbank herüber, seine muskulösen Arme erstarrt mitten in der Bewegung. Der Lehrling, ein Junge kaum älter als vierzehn, lugt hinter einem Stapel Bretter hervor, die Augen weit aufgerissen. „Ein Möbelstück, sagen Sie?“, murmelt Vater schließlich, seine Stimme tief und bedacht. Er legt den Zylinder ab und tritt einen Schritt näher an den Fremden heran. Staub wirbelt von den Stiefeln des Mannes auf, vermischt sich mit dem Duft von frisch geschnittenem Holz. Draußen poltern Kutschenräder, ein Händler ruft „Äpfel, frische Äpfel!“, doch hier drin herrscht eine Stille, die drückt wie eine zu straffe Leiste. Der Fremde nickt, seine scharfen Augen huschen kurz zu mir, dann zurück zu Vater. „Genau. Ein Schrein, alt, mit Schnitzereien aus der Alten Welt. Die Besitzerin – eine Witwe aus Boston – lässt es restaurieren, bevor sie es öffnet. Fünfzig Dollar Vorschuss, hundert mehr, wenn es makellos wird. Aber beeilen Sie sich, die Zeit drängt.“ Er greift in die Tasche seines Mantels und zieht ein zerknittertes Pergament hervor, faltet es auseinander. Eine grobe Skizze eines Kastens, Verzierungen wie aus einer vergangenen Epoche. Ich lehne mich leicht vor, das Mahagoni unter meinen Fingern warm von der Arbeit. Vaters Hand schießt vor, nimmt das Papier. Er mustert es lange, dann blickt er auf. „David“, sagt er scharf, ohne den Blick vom Fremden zu lösen. „Lass den Hobel liegen. Hilf mir, das hier zu prüfen.“ Johann räuspert sich leise, setzt seinen Hobel wieder an, doch seine Bewegungen sind langsamer, aufmerksamer. Der Fremde lächelt schief, als warte er auf etwas, und der Staub auf seinen Stiefeln scheint plötzlich wie Sand aus fernen Landen. Vater faltet das Pergament zusammen, seine Finger trommeln auf dem Tisch.
3Chapter 3▾
Ich lege den Hobel behutsam auf die Bank, wo er mit einem leisen Klacken zur Ruhe kommt. Die frischen Späne knirschen unter meinen Schuhen, als ich mich aufrichte und zu Vater trete. Die Werkstatt fühlt sich plötzlich stickiger an, der Duft von Harz und Sägemehl mischt sich mit dem erdigen Geruch des Fremden. Johanns Hobelstrich zieht sic...
Ich lege den Hobel behutsam auf die Bank, wo er mit einem leisen Klacken zur Ruhe kommt. Die frischen Späne knirschen unter meinen Schuhen, als ich mich aufrichte und zu Vater trete. Die Werkstatt fühlt sich plötzlich stickiger an, der Duft von Harz und Sägemehl mischt sich mit dem erdigen Geruch des Fremden. Johanns Hobelstrich zieht sich nun träge über das Holz, ein rhythmisches Schaben, das die Stille unterstreicht. Vater steht da, das Pergament in der Hand, seine Finger trommeln weiter auf der Tischkante – ein Zeichen, dass er rechnet. Er schiebt es mir zu, ohne ein Wort, und ich beuge mich darüber. Die Skizze zeigt einen Schrein, filigran gearbeitet, mit Ranken und Symbolen, die wie aus einer vergangenen Zeit wirken: Kreuze, verschlungene Knoten, vielleicht aus dem alten Europa. Mahagoni, ja, aber die Maße passen nicht zu einem gewöhnlichen Kasten – zu kompakt, zu geheimnisvoll. „Sieh dir die Verzierungen an“, murmelt Vater schließlich, seine Stimme tief und kontrolliert. „Das ist keine einfache Arbeit. Azoren-Mahagoni, sagst du? Teures Holz für eine Witwe aus Boston.“ Der Fremde lehnt sich vor, sein breitkrempiger Hut wirft einen Schatten über das wettergegerbte Gesicht. Seine Augen, scharf wie Klingen, fixieren uns abwechselnd. „Genau das, Meister. Die Witwe hat es von ihrem verstorbenen Mann geerbt – ein Händler, der mit dem Schiff fuhr. Sie ahnt nicht, was drin ist, will es nur wieder herrichten. Fünfzig Dollar jetzt, der Rest bei Lieferung.“ Er tippt auf das Pergament, und Staub von seinen Stiefeln rieselt herab, sammelt sich wie ferner Sand auf dem Boden. Ich taste die Linien mit dem Finger ab, spüre die Präzision, die uns abverlangt wird. Vater nickt langsam, faltet das Papier zusammen und steckt es in die Tasche seines makellosen Gehrocks. Johann wirft einen Seitenblick herüber, seine muskulösen Arme bewegen sich weiter, doch langsamer, als lausche er jedem Wort. Hinter den Brettern raschelt es leise – der Lehrling, der Junge, duckt sich tiefer, seine Augen immer noch weit aufgerissen. Vater richtet sich auf, mustert den Fremden forschend. „Wir nehmen es. David, du hilfst bei der Planung. Morgen früh fangen wir an.“ Der Fremde lächelt schief, greift in seinen Mantel und zieht einen Beutel hervor, dessen Münzen leise klimpern.




