
Tarnograds Echo
Die Welt ist ein einziger, dampfender Krater. Asche fällt wie Schnee vom Himmel, ein grauer, endloser Schleier über den Ruinen von dem, was einmal Kassel war.
Story context
World description
Universum für diese Geschichte: Endzeit
Objective
Die unbekannte Dimension
Chapter samples
1Chapter 1▾
Die Welt ist ein einziger, dampfender Krater. Asche fällt wie Schnee vom Himmel, ein grauer, endloser Schleier über den Ruinen von dem, was einmal Kassel war. Ich hocke zwischen den Trümmern eines Hauses, das vielleicht mal meines war, vielleicht auch nicht. Erinnerungen sind ein Luxus, den ich mir schon lange nicht mehr leisten kann. Mei...
Die Welt ist ein einziger, dampfender Krater. Asche fällt wie Schnee vom Himmel, ein grauer, endloser Schleier über den Ruinen von dem, was einmal Kassel war. Ich hocke zwischen den Trümmern eines Hauses, das vielleicht mal meines war, vielleicht auch nicht. Erinnerungen sind ein Luxus, den ich mir schon lange nicht mehr leisten kann. Mein Körper zittert, nicht nur vor Kälte. Der Entzug nagt, eine vertraute Bestie, die an meinen Knochen knabbert. Ich bin Yvonne, 27 Jahre alt, oder zumindest glaube ich das. Mein Spiegelbild, wenn ich es denn irgendwo finden würde, wäre vermutlich das einer Frau, die weit über ihr tatsächliches Alter hinaus gealtert ist. Hellblondes Haar, das einst meine Zierde war, hängt jetzt stumpf und dreckig in Strähnen herunter. Meine Figur, einst begehrt, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, gezeichnet von Hunger und dem unstillbaren Verlangen nach dem nächsten Schuss. Meine Finger klammern sich fester um die leere Spritze. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Nicht nur der Entzug. Etwas ist anders heute. Die Stille ist dichter, erdrückender als sonst. Selbst das leise Wimmern der Ratten, die sonst meine einzigen Begleiter sind, ist verstummt. Mario… der Gedanke an ihn ist ein Stich ins Herz, ein Schmerz, der fast so stark ist wie der Entzug selbst. Mario, mein Mann, mein Dealer, mein Untergang. Wo er jetzt ist? Keine Ahnung. Wahrscheinlich tot. Wahrscheinlich besser so. Wir waren ein gutes Team, er und ich. Er, der Narzisst, der Frauenschwarm, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, dem nächsten Geschäft. Und ich, seine treue Anhängerin, gefangen in seinem Netz aus Drogen und Versprechungen. Hardtekk dröhnte aus den Boxen, während wir uns in den Rausch fallen ließen, die Welt um uns herum vergessend. Drei Kinder… drei kleine Geister, die in meinen Träumen spuken. Habe ich sie geliebt? Ja. Habe ich sie vernachlässigt? Gott, ja. Die Schuld ist eine schwere Last, schwerer noch als die Sucht. Plötzlich ein Geräusch. Ein Knacken, ein Knistern. Nicht von Ratten. Zu schwer. Zu… menschlich? Ich kauere mich tiefer in meine schützenden Trümmer. Mein Herz rast. Angst kriecht mir in die Knochen, eine Angst, die tiefer geht als die Angst vor dem Entzug, tiefer als die Angst vor dem Tod. Was auch immer da draußen ist, es ist anders. Es ist… hungrig. Ich halte den Atem an und lausche. Das Geräusch kommt näher. Es ist, als würde etwas durch die Asche waten, langsam, bedächtig. Etwas, das nicht hierher gehört. Etwas aus einer anderen Dimension. Eine Dimension, die sich langsam, aber sicher, in unsere Welt frisst.
2Chapter 2▾
Meine Stimme, kratzig und brüchig, hallt in der gespenstischen Stille wider. "Wer ist da? Zeigt euch!" Die Worte zittern in der Ascheluft, lösen sich auf, ohne eine Antwort zu provozieren. Nur das Knistern, dieses unheilvolle Knistern, kommt näher. Ich presse mich noch fester an die kalten Steine, die Splitter bohren sich in mein bloßes F...
Meine Stimme, kratzig und brüchig, hallt in der gespenstischen Stille wider. "Wer ist da? Zeigt euch!" Die Worte zittern in der Ascheluft, lösen sich auf, ohne eine Antwort zu provozieren. Nur das Knistern, dieses unheilvolle Knistern, kommt näher. Ich presse mich noch fester an die kalten Steine, die Splitter bohren sich in mein bloßes Fleisch. Meine Augen scannen die graue Umgebung, versuchen, irgendetwas zu erkennen, irgendeine Bewegung, irgendein Zeichen. Nichts. Nur Asche und Schatten, die in der trüben Luft tanzen. Der Entzug schreit in meinem Kopf, eine Kakophonie aus Schmerz und Panik. Aber die Angst, die eigentliche Angst, übertönt alles. Es ist eine Angst, die ich noch nie zuvor gespürt habe, eine Angst, die aus der Tiefe meines Inneren kommt, aus einem Ort, an dem Urinstinkte lauern. Ich spüre, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmert, wie mein Atem flach und stoßweise wird. Ich muss hier weg. Aber wohin? Es gibt keinen sicheren Ort mehr. Nur Ruinen und Tod. Plötzlich ein Geräusch, direkt vor mir. Ein Scharren, ein Kratzen, als würde etwas an den Trümmern zerren. Ich kneife die Augen zusammen, versuche, durch den grauen Schleier zu sehen. Da! Eine Bewegung. Ein Schatten, der sich vom Rest der Dunkelheit abhebt. Er ist groß, unförmig, verzerrt. Wie ein Mensch, aber… nicht menschlich. Seine Gliedmaßen scheinen zu lang, zu dünn, seine Bewegungen ruckartig und unnatürlich. Es kommt näher, langsam, bedächtig, wie ein Raubtier, das seine Beute umkreist. Ich kann jetzt Details erkennen. Seine Haut ist bleich, fast durchscheinend, überzogen von dunklen Adern, die wie Wurzeln unter der Oberfläche verlaufen. Seine Augen sind leer, schwarz, ohne Pupillen. Sie scheinen alles zu verschlingen, das Licht, die Hoffnung, meine Seele. Ein widerlicher Gestank dringt in meine Nase, eine Mischung aus Verwesung und etwas… anderem. Etwas Fremdem, Unbekanntem. Es ist, als würde der Tod selbst vor mir stehen, in einer grotesken, entstellten Form. Ich will schreien, aber meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich will weglaufen, aber meine Beine sind wie gelähmt. Ich bin gefangen, wie ein Insekt in einem Spinnennetz. Das Wesen streckt eine Hand nach mir aus. Seine Finger sind lang und knochig, die Nägel schwarz und abgebrochen. Sie sehen aus wie Klauen. Ich schließe die Augen, erwarte den Schmerz, den Tod. Aber er kommt nicht. Stattdessen spüre ich einen kalten Hauch auf meiner Haut, einen Hauch, der mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Dann höre ich eine Stimme. Sie ist leise, flüsternd, aber dennoch klar und deutlich. Sie dringt direkt in meinen Kopf, umgeht meine Ohren, meine Vernunft. "Yvonne…" Die Dimension scheint sich zu öffnen, die Grenze zwischen Realität und Albtraum verschwimmt.
3Chapter 3▾
Die Stimme flüstert meinen Namen, ´Yvonne…´, und es ist, als würde sich eine eiskalte Hand um mein Herz legen. Ich zwinge mich, die Augen wieder zu öffnen. Das Wesen steht noch immer da, unbeweglich, seine leeren Augen auf mich gerichtet. Die Stimme kommt nicht von ihm. Sie ist in mir, ein Echo in meinem Kopf, eine Erinnerung an etwas, da...
Die Stimme flüstert meinen Namen, ´Yvonne…´, und es ist, als würde sich eine eiskalte Hand um mein Herz legen. Ich zwinge mich, die Augen wieder zu öffnen. Das Wesen steht noch immer da, unbeweglich, seine leeren Augen auf mich gerichtet. Die Stimme kommt nicht von ihm. Sie ist in mir, ein Echo in meinem Kopf, eine Erinnerung an etwas, das ich vergessen habe oder vielleicht nie wissen durfte. Angst und Neugierde kämpfen in mir, ein ungleicher Kampf. Die Angst will fliehen, sich verstecken, während die Neugierde mich zwingt, zu bleiben, zu sehen, was passiert. Ich versuche, die Stimme zu ignorieren, sie als Ausgeburt meines Entzugs, meiner Halluzinationen abzutun. Aber es gelingt mir nicht. Sie ist zu real, zu präsent. Und sie scheint etwas von mir zu wollen. ´Wer bist du?´, flüstere ich, meine Stimme kaum mehr als ein Hauch. Keine Antwort von dem Wesen vor mir, nur ein stummes Starren. Aber die Stimme in meinem Kopf antwortet. ´Ich bin der, der du vergessen hast. Der, der du sein könntest.´ Was soll das bedeuten? Ich bin Yvonne, eine Junkie, eine Mutter, eine Überlebende. Was könnte ich noch sein? Ich schüttle den Kopf, versuche, die wirren Gedanken zu ordnen. Der Entzug wird stärker, die Halluzinationen intensiver. Ich sehe Dinge, die nicht da sind, höre Stimmen, die nicht existieren. Oder doch? Das Wesen macht einen Schritt auf mich zu. Ich spüre seinen kalten Atem auf meiner Haut. Ich will weglaufen, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich bin wie hypnotisiert, gefangen von seinem Blick. ´Was willst du von mir?´, frage ich, meine Stimme jetzt fester, entschlossener. Die Stimme in meinem Kopf antwortet wieder. ´Ich will dir zeigen, wer du wirklich bist. Ich will dir die Wahrheit zeigen.´ Die Wahrheit? Welche Wahrheit? Die Wahrheit über mein verkorkstes Leben? Die Wahrheit über meine Fehler? Die Wahrheit über meine verlorene Seele? Ich weiß nicht, ob ich das wissen will. Aber ich weiß, dass ich keine Wahl habe. Das Wesen streckt seine Hand nach mir aus, seine kalten Finger berühren meine Wange. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Dann sehe ich es. Eine Vision, ein Fenster in eine andere Welt. Ich sehe mich selbst, aber nicht so, wie ich jetzt bin. Ich sehe mich als etwas… Anderes. Mächtig. Stark. Schön. Eine Königin, umgeben von Dunkelheit und Schatten. Eine Herrscherin über eine Dimension, die jenseits von Raum und Zeit existiert. Bin ich das? Bin ich dazu bestimmt? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich es herausfinden muss. Das Wesen zieht mich näher an sich heran. Seine Augen leuchten auf, als würde sich ein Tor öffnen. Ich spüre einen Sog, eine Kraft, die mich in die Dunkelheit zieht. Ich schließe die Augen und lasse mich fallen. Die Aschewelt verschwindet, die Realität zerbricht. Ich falle, falle, falle… in die unbekannte Dimension.




